Die Verborgenen Höhlen unter dem Mellieħa-Kreuz
Erkundung eines wenig bekannten Netzwerks aus Höhlen, Kammern und in den Fels gehauenen Gängen unter einem der bekanntesten Wahrzeichen Maltas.
Die meisten Besucher, die den Hügel zum berühmten Mellieħa-Kreuz hinaufsteigen, tun dies wegen der spektakulären Aussicht über die Mellieħa-Bucht und die umliegende Landschaft. Hoch über der Küste gelegen, zählt das Kreuz zu den bekanntesten Wahrzeichen der Region. Doch nur wenige wissen, dass sich unter den Kalksteinfelsen unterhalb des Aussichtspunktes ein bemerkenswertes Netzwerk aus Höhlen, Kammern und in den Fels gehauenen Strukturen verbirgt.
Meine Erkundung dieser Höhlen begann aus reiner Neugier. Beim Fotografieren der Hänge unterhalb des Kreuzes fielen mir mehrere Öffnungen auf, die sich deutlich von den natürlichen Felshohlräumen unterschieden, die man häufig in den maltesischen Kalksteinklippen findet. Je weiter ich dem Hang folgte, desto deutlicher wurde, dass es sich nicht um einzelne Höhlen handelte. Stattdessen kamen nach und nach weitere Kammern, Gänge, Felsnischen und sogar in den Stein gehauene Treppen zum Vorschein, die auf einen weit größeren Komplex schließen lassen.
Die Region Mellieħa ist seit Langem mit Höhlenbewohnung verbunden. Die nahe gelegene Siedlung Għar u Casa liefert gut dokumentierte Beispiele dafür, wie natürliche Höhlen zu Wohnräumen, Lagerräumen und landwirtschaftlichen Unterständen umgestaltet wurden. Historische Quellen belegen, dass das Leben in Höhlen in einigen ländlichen Regionen Maltas bis in das 19. Jahrhundert hinein üblich war. Vor diesem Hintergrund erscheinen die Höhlen unter dem Mellieħa-Kreuz besonders interessant.
Folgt man dem schmalen Pfad entlang der Klippen, entdeckt man eine überraschende Anzahl von Höhlen und Kammern im Kalkstein. Einige wirken weitgehend natürlich, andere zeigen jedoch Merkmale, die auf menschliche Bearbeitung hindeuten. In mehreren Höhlen sind Nischen direkt in die Felswände eingearbeitet. Verbindungen zwischen den Kammern weisen teilweise ungewöhnlich regelmäßige Formen auf, die nur schwer allein durch natürliche Erosion erklärt werden können. An mehreren Stellen ermöglichen in den Fels gehauene Stufen den Zugang zu höher gelegenen Höhlen.
Eine der faszinierendsten Höhlen besteht aus mehreren Kammern, die durch schmale Korridore miteinander verbunden sind. Das Durchqueren dieser Gänge vermittelt den Eindruck, eine Struktur zu erkunden, die über einen längeren Zeitraum hinweg erweitert oder angepasst wurde. Die Räume unterscheiden sich in Größe und Form, während entlang der Korridore immer wieder Nischen und Vertiefungen sichtbar werden, die möglicherweise praktische Funktionen erfüllten. Ob sie zur Lagerung, als Unterkunft oder für andere Zwecke genutzt wurden, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit feststellen.
Eine weitere Höhle weist Merkmale auf, die auf eine landwirtschaftliche Nutzung hindeuten könnten. Ihre Anordnung erinnert an Unterstände, die in ländlichen Gebieten Maltas traditionell für Tiere oder zur Lagerung verwendet wurden. Obwohl dies spekulativ bleibt, deutet die Kombination aus geschützten Räumen, bearbeiteten Oberflächen und gut zugänglichen Eingängen darauf hin, dass diese Höhlen einst eine wichtige Rolle im Alltag der Menschen gespielt haben könnten.
Besonders bemerkenswert sind die zahlreichen in den Fels gearbeiteten Elemente, die im gesamten Komplex zu finden sind. In mehreren Kammern wurden Nischen unterschiedlicher Größe direkt in die Kalksteinwände gehauen. Einige sind klein und flach, andere deutlich größer und tiefer. Ihre ursprüngliche Funktion bleibt unbekannt, doch ähnliche Strukturen werden andernorts auf Malta häufig mit Lagerung, Aufbewahrung oder anderen häuslichen und landwirtschaftlichen Tätigkeiten in Verbindung gebracht.
Die größte der entdeckten Höhlen erreicht man über eine Reihe überwucherter, in den Fels gehauener Stufen. Hinter dem Eingang öffnet sich eine Kammer, von der mehrere schmale Korridore tiefer in den Hang führen. Die innere Struktur wirkt überraschend komplex. Einige Gänge
führen in weitere Räume, andere enden nach kurzer Strecke. Insgesamt entsteht der Eindruck einer Höhle, die über lange Zeit hinweg mehrfach verändert und angepasst wurde.
Der geheimnisvollste Bereich befindet sich vermutlich am Ende der erkundeten Route. Dort liegt ein teilweise offener Raum, der von großen Mengen eingestürzter Kalksteinblöcke und Geröll bedeckt ist. Auf den ersten Blick wirkt die Stelle wie ein natürlicher Felsabbruch. Bei genauerem Hinsehen ergeben sich jedoch
interessante Fragen. Die Verteilung des Gesteins könnte darauf hindeuten, dass sich hier einst eine Decke befand. Noch auffälliger ist eine rechteckige Öffnung in einer verbliebenen Wand. Durch diese Öffnung bietet sich ein beeindruckender Blick über die Mellieħa-Bucht.
Sollte dieser Bereich früher tatsächlich überdacht gewesen sein, könnte die Öffnung als Fenster gedient haben und Licht sowie Frischluft in das Innere gebracht haben. Diese Interpretation bleibt selbstverständlich spekulativ. Natürliche geologische Prozesse können erstaunlich regelmäßige Formen hervorbringen. Dennoch erscheint die Möglichkeit eines ehemals geschlossenen Raumes durchaus denkbar, wenn man diese Struktur zusammen mit den zahlreichen
Nischen, Treppen, Gängen und bearbeiteten Flächen der umliegenden Höhlen betrachtet.
Das größte Rätsel dieser Höhlen liegt im Mangel an leicht zugänglichen Informationen. Dienten sie als Wohnräume? Als Lagerräume? Als landwirtschaftliche Unterstände oder Tierställe? Wurden sie dauerhaft genutzt oder nur zeitweise? Sind einige der sichtbaren Veränderungen mehrere Jahrhunderte alt, während andere jüngeren Ursprungs sind? Gegenwärtig gibt es auf diese Fragen keine eindeutigen Antworten.
Fest steht jedoch, dass die Höhlen unter dem Mellieħa-Kreuz einen faszinierenden und weitgehend unbeachteten Teil des
maltesischen Kulturerbes darstellen. Versteckt unter einem der beliebtesten Aussichtspunkte der Insel ermöglichen sie einen seltenen Einblick in die Beziehung zwischen Mensch und Kalksteinlandschaft, die das Leben auf Malta über Jahrtausende geprägt hat.
Ob zukünftige archäologische Untersuchungen letztlich eine Wohnnutzung, landwirtschaftliche Verwendung oder einen ganz anderen Zweck bestätigen werden, bleibt abzuwarten. Bis dahin bleiben die Höhlen unter dem Mellieħa-Kreuz stille Zeugen eines weitgehend vergessenen Kapitels der Geschichte Mellieħas und bewahren ihre Geheimnisse in den Kalksteinfelsen hoch über der Bucht.